Die neuen Räume: 101 Jahre Dachgeschoss im alten Krankenhaus.
Hier im Dachgeschoss habe ich schon gelegen, erinnert sich manch ein Patient, wenn er die neuen Praxisräume der Augenarztpraxis Vivell betritt. „Was hat sich hier geändert, seit ich hier als Kind gelegen bin,“ bemerkt ein anderer. Eine Patientin erinnert sich, wie sie hier 1949 als junge Frau sechs Wochen lang mit Scharlachverdacht lag: "Hier oben waren hauptsächlich Männerzimmer und Aufenthaltsräume für das Pflegepersonal. Einmal brachte eine Besucherin einen Erdbeerkorb und überschritt die Besuchszeiten. Das Krankenhaus war daraufhin abgeschlossen und die Besucherin musste das Krankenhaus durch das Kellerfenster wieder verlassen.“ Ein anderer Patient erinnert sich, wie er als Schulkind 1953 eine Woche lang im Dachgeschoss lag: „Ich hatte 100 Mark vom Großvater zur Kommunion bekommen. Damit konnte endlich die benötigte Mandeloperation bezahlt werden. Mit frisch operierten Mandeln lag ich in einem Vierbettzimmer, zusammen mit zwei Frauen. Das Bett war für mich viel zu klein, obwohl ich selbst noch Kind war. Ich vertrieb mir die Zeit, mit dem Handtuch die Mücken tot zu schlagen. Das große Ereignis für mich war, jeden Tag die Turmglocken läuten zu dürfen. Die Schwestern hatten große Hauben auf und sahen genau so aus wie die Skulptur vor dem Eingang. Sie holten mich ab und ließen mich an der Glockenschnur ziehen. Ich durfte aber nicht zu fest ziehen, sonst hätten sich die Glocken überschlagen können.”
Es ist wirklich einige Zeit vergangen, seit die Balken errichtet wurden, die jetzt grau angestrichen das mit Moselschiefer gedeckte Dach halten. Am 15. November 1906, vor über 100 Jahren wurde das Bruchsaler Fürst-Stirum Hospital in Betrieb genommen. Und damit füllte sich erstmals das Dachgeschoss des alten Krankenhauses mit Leben. Ganz zu Anfang erzeugte ein gasbetriebener Generator den für die elektrische Beleuchtung notwendigen Strom. Im landwirtschaftlichen Nebengebäude wurden Hühner und Schweine gehalten, da das Krankenhaus einen Teil der benötigten Lebensmittel selbst erzeugen musste. Im Kellergeschoss befanden sich die Kohlenräume sowie der Vorratskeller.
Im Erdgeschoss (jetzt neurologische Praxis) befanden sich die noch heute vorhandene Kapelle sowie mehrere Krankenzimmer. Die Frauen lagen – geschützt vor dem Ausblick auf die Strafvollzugsanstalt –im Nordteil des Gebäudes, die Männer lagen im Südteil. Im Obergeschoss (jetzt rheumatologische Praxis) befanden sich neben weiteren Krankenzimmern der Operationssaal sowie der Röntgenraum. Im Dachgeschoss (jetzt Augenpraxis Vivell) befanden sich eine Waschküche sowie ein großer Trockenspeicher für die Wäsche. Für das gesamte Krankenhaus gab es bis zu Beginn der 30er Jahre nicht mehr als zwei Ärzte. Lange Zeit einziger festangestellter Arzt war Dr. Emil Gollinger: Chirurg, Internist und vertretungsweise Geburtshelfer in einem. Sieben Ordensschwestern kümmerten sich anfangs um die Krankenpflege und die Leitung der Hauswirtschaft.
Durch die zunehmenden Behandlungszahlen wurde der Bau neuer Krankenhaustrakte notwendig, so dass der A-Bau im Laufe der Zeit an Bedeutung verlor. Der Zahn der Zeit nagte sehr am Gebäude. 1976, nach einem schweren Januarsturm musste der markante Glockenturm abgetragen werden. Erst im September 2006, pünktlich zum 100- jährigen Bestehen des Krankenhauses, wurde der Glockenturm wieder aufgestellt (siehe Bild unten). 2006 erfolgte auch der Umzug der Praxis Vivell aus der Wörthstraße in das Dachgeschoss des A-Baus (siehe Bild vor Renovierung oben und während Renovierung rechts). Dieses wurde hierzu komplett ausgebaut. Die neuen diagnostischen und therapeutischen Geräte wie Fluoreszenzangiographie, Okuläre Kohärenztomographie und Netzhautlaser sowie vier großzügig bemessene Untersuchungsräume finden hier ausreichend Platz.
Auch die auf die Untersuchung von Kleinkindern spezialisierte Orthoptistin findet mit Ihrer Sehschule einen eigenen Raum. Genau an diesem Ort befand sich die frühere Waschküche. Gehbehinderte Patienten können mit dem neugebauten Aufzug bequem die Praxis erreichen. Im Sommer bringt eine eingezogene Kühldecke die Praxis auf angenehme Temperaturen.
Gleichzeitig kann der moderne Operationstrakt mit Sterilisationseinheit der Fürst-Stirum-Klinik genutzt werden. Die ambulant durchgeführten Operationen werden somit immer nach den aktuellen hygienischen Bestimmungen durchgeführt. An die Praxis angegliedert findet sich ein großer Vortragssaal mit Projektionsmöglichkeit. Hier werden regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Wir freuen uns, Sie bei der nächsten Veranstaltung begrüßen zu dürfen.
Aus: "Augenblick Mal! - 1/2008, S.2-3"