Hallo, Frau Heilmann!
Hallo! Willkommen in der Sehschule!
Sie sind hier in der Praxis als Orthoptistin tätig. Was genau ist denn eine Orthoptistin?
Der Beruf der Orthoptistin gehört zu der Berufsgruppe der Heilmittelerbringer, wie die Logopäden und Ergotherapeuten. Orthoptistinnen beschäftigen sich mit dem Geradesehen. Das Wort kommt aus dem Griechischen und ist aus zwei Bedeutungen zusammengesetzt: Aus „ortho(s)“, das „gerade“ heißt, und “opsis“, dem „Sehen“. Die Behandlung von Störungen beidäugigen Sehens, z.B. Schielen bei Kindern gehört zu meinem Aufgabenbereich. Außerdem bin ich für die Versorgung von Patienten mit Doppelbildern verantwortlich. Ich habe ein eigenes Sprechzimmer, die „Sehschule“. Hier arbeite ich Hand in Hand mit unseren Ärzten zusammen.
Was ist denn der Vorteil einer Praxis mit angeschlossener Sehschule?
Für jedes Kind kann ich mir sehr viel Zeit nehmen. Wenn nötig spiele ich vorher mit den Kindern, um eine lockere und entspannte Atmosphäre zu schaffen. Außerdem ist die Sehschule kindgerecht eingerichtet. Das spüren die Kinder sofort.
Sie behandeln schielende Kinder. Können Sie erklären, was Schielen ist?
Schielen bedeutet eine Fehlstellung der Augen. Rund zwei Millionen Bürger sind davon betroffen. In der Fachsprache heißt das Schielen „Strabismus“. Schielen ist nicht nur ein Schönheitsfehler, sondern eine ernst zu nehmende Sehbehinderung mit Folgen. Leider „wächst sich das Schielen nicht mit der Zeit aus“, obwohl das viele Leute immer noch glauben. Grundsätzlich rutscht beim Schielen ein Auge von der Blickrichtung ab. Der Seheindruck des abgerutschten Auges wird unterdrückt. Das hat fatale Folgen: Das schielende Auge wird nicht mehr zum Sehen benutzt und kann somit die Sehschärfe nicht entwickeln. Eine Sehschwäche an diesem Auge resultiert daraus. Man nennt diese Sehschwäche „Amblyopie“. Um einer Amblyopie vorzubeugen, muss das Schielen frühzeitig entdeckt und behandelt werden, sonst bleibt es ein Leben lang bestehen.
Wie sehen schielende Menschen ihre Umwelt?
Diese Leute haben kein dreidimensionales d.h. räumliches Sehen. Der Betroffene merkt das jedoch nicht, denn er kennt es nicht anders. Leider sind schielende Patienten in ihrer Berufswahl eingeschränkt.
Welche Ursachen kann das Schielen haben?
Die Veranlagung dazu ist vererbbar. Wenn in der Familie schon einmal Schielen aufgetreten ist, sollte das Kind auf alle Fälle im ersten Lebensjahr dem Augenarzt oder der Orthoptistin vorgestellt werden. Weitere Ursachen können Risikofaktoren während der Schwangerschaft oder Kinderkrankheiten mit hohen Fieberschüben sein. Andere Augenerkrankungen wie z.B. Fehlsichtigkeiten können Schielen begünstigen. In seltenen Fällen kann diese Sehschwäche auch nach Unfällen mit Gehirnerschütterung auftreten.
Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind schielt?
Den Schönheitsfehler erkennen viele Eltern sehr rasch. Allerdings kommt es oft vor, dass die Augen kaum merklich abweichen. Die Eltern sollten beobachten, ob das Kind den Kopf ständig schief hält, häufig mit den Augen blinzelt, an Gegenständen vorbeigreift oder z.B. „mit der Nase liest“. Um sicher zu gehen, sollte jedes Kind zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr augenärztlich untersucht werden.
Welche Formen des Schielens gibt es?
Es gibt viele verschiedene Formen. Alle aufzuzählen würde zu weit führen, deshalb beschränke ich mich auf die drei bekanntesten: Beim Innenschielen weicht ein Auge zur Nase hin ab. Wenn ein Auge nach außen steht, handelt es sich um Außenschielen. Blickt ein Auge zur „Zimmerdecke“, spricht man vom Höhenschielen.
Wie wird das Schielen behandelt?
Zunächst werden die Kinder mit einer Brille versorgt und es wird eine Okklusionstherapie eingeleitet. Okklusionspflaster sind Abdeckpflaster für das Auge. Das normal sehende Auge wird dabei in einem bestimmten zeitlichen Rhythmus abgeklebt, um das sehschwache Auge zu aktivieren und zu trainieren. Leider ändert sich durch das Abkleben nichts an der Fehlstellung, sondern nur an der Sehschärfe des schielenden Auges. Um den Schönheitsfehler zu beheben, muss in gravierenden Fällen eine kosmetische Operation vorgenommen werden. Oftmals kann schon eine Brille Verbesserung bringen. Schulkindern klebt man das Okklusionspflaster auf das Brillenglas.
Wie verläuft eine Schieloperation?
Die Operation bewirkt wie gesagt nicht die Beseitigung der Sehschwäche. Die Brille muss also auch nach der Operation weiter getragen werden. Die Operation selbst ist relativ risikoarm. Sie wird in Narkose durchgeführt, wobei der Arzt durch Versetzen der Augenmuskelansätze die Fehlstellung reguliert.
Was können die Eltern tun?
Ähnlich wie beim Tragen einer Zahnspange ist hier Voraussetzung für einen guten Behandlungserfolg das konsequente Tragen der Brille und des Okklusionspflasters. Eltern sollten darauf achten, den Zeitplan genau einzuhalten. Das gilt auch für die Termine in der Sehschule oder beim Arzt, denn wenn sich etwas an der Sehschwäche ändert, muss unter Umständen der Behandlungsplan geändert werden.
Seit wann sind Sie Orthoptistin?
Seit 1982
Was war Ihr eindrucksvollstes Erlebnis seit Ihrem Berufsstart?
Ich finde es jedesmal von Neuem toll, wenn ich kleine Kinder zur Mitarbeit überzeugen kann. Außerdem freue ich mich, wenn ich einem Erwachsenen mit Doppelbildern helfen konnte.
Haben Sie neben Ihrem Beruf ein bestimmtes Hobby?
Ich treibe sehr gerne Sport (Aerobik) und unternehme viel mit meiner Familie: meinem Mann und meiner Tochter. Die freuen sich, dass ich halbtags arbeite, denn so bleibt mir genügend Zeit für sie.
Frau Heilmann, danke für das interessante Gespräch.
Bitte, bitte. Tschüß, bis zum nächsten Mal!
Basierend auf: "Augenblick Mal! 3/99"